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„Das Holzschiff“ im Staatstheater Nürnberg

Uraufführung zwischen extremen Gefühlen und Handlungen

Anna Lapkovskaja, Heidi Elisabeth Meier
Im „Holzschiff“ werden alle Klischees bedient, die zeitgenössischen Opern anhaften: Die Besucher erwarten schrille Musik, viel Blut, nackte Haut und eine Geschichte voll extremer Gefühle. Bereits nach 20 Minuten verließen erste Premierengäste der Uraufführung am 9. Oktober 2000 das Nürnberger Staatstheater.
Reise ohne Ziel
Ein Mord ohne Motiv, eine Reise ohne Ziel und Fracht ohne Inhalt. „Das Holzschiff“ nimmt den Besucher mit auf eine besondere Schifffahrt. Sechs Protagonisten reisen eingesperrt auf einem Holzboot. Allein mit ihren Ängsten, Trieben und Aggressionen. Einzig der Superkargo (Nicolai Karnolsky) weiß um Bestimmung des Auftrags – doch er schweigt. Er ist ein Tyrann, der auf Hierarchie und Gewalt setzt und am Ende dieser Fahrt ins Ungewisse gemeinsam mit der meuternden Mannschaft untergeht.
Nicolai Karnolsky
Superkargo Nicolai Karnolsky weiß um die Bestimmung des Auftrags – doch er schweigt.
Keine Moral
Die Moral ist, dass es keine Moral gibt. Die Geschichte des Holzschiffs basiert auf dem ersten Teil der Romantrilogie „Fluß ohne Ufer“ von Hans Henny Jahnn. Darin reduziert Jahnn den Menschen auf seine Triebe, vor deren gewaltig-gewaltsamer Kraft es, eingepfercht in einem Schiff, kein Entrinnen gibt. Komponist Detlev Glanert nimmt diese Drucksituation gekonnt auf. Das kompositorische Werk ist stark verdichtet, voll schriller Auswüchse und Überraschungen, aber nur selten disharmonisch.
Jaione Zabala in "Das Holzschiff"
Regisseur Johann Kresnik setzt auf schockierende Bilder.
Verstörende Bilder auf der Bühne
Guido Johannes Rumstadt und die Nürnberger Philharmoniker meistern die Aufgabe mit Bravour – doch verstörende Bilder auf der Bühne degradieren die Klänge zur Begleitmusik eines Horrorstreifens. Regisseur Johann Kresnik scheint so besessen, menschliche Abgründe in möglichst schockierende Bilder zu pressen, dass die eigentliche Dramatik des Stoffes beinahe untergeht.
Zufriedenes Publikum
„Wenn alle Bravo schreien, war meine Arbeit Scheiße“, erklärte Kresnik einst in einem Interview. Ob dies auch für seine Nürnberger Inszenierung gilt? Hier applaudiert das Publikum am Ende jedenfalls brav allen Beteiligten. Diejenigen, die Blutexzesse, nackte Haut und kopulierende Männer nicht auf der Bühne sehen wollen, hatten das Opernhaus längst verlassen.
Lichtblick im dunklen Treiben
Verpasst haben sie wenig. Die inhaltliche Wendung zur Natur als rettender Ausweg aus allen menschlichen Untiefen geht im Schaumbad unter. Überzeugen konnten nur die Sänger, allen voran Heidi Elisabeth Meier in der Doppelrolle Elena Strunck und Alfred Tutein. Opfer und Täter stellt sie gleichermaßen überzeugend dar und begeistert mit virtuosen Koloraturen.
Heidi Elisabeth Meier
Herausragende Leistung: Heidi Elisabeth Meier überzeugt in der Doppelrolle Elena Strunck und Alfred Tutein.
Unterschiedliche Ebenen
Ebenfalls lobenswert zu erwähnen ist das vielschichtige Bühnenbild von Bernhard Hammer. Passend ganz aus Holz gefertigt, gibt es die Sicht frei auf die unterschiedlichen Ebenen des Schiffes.
Fazit: Mit einer Uraufführung kann ein Opernhaus sein Renommee steigern. Unter Theaterschaffenden und Regisseuren mag dieses Ansinnen mit „Das Holzschiff“ gelungen sein. Normale Besucher werden eher verwirrt nach Hause gehen.
Tänzer "Das Holzschiff"
Insgesamt sieben Interludien geben unterschiedlichen Tanzeinlagen einen eigenen Klangraum und verbinden die verschiedenen Erzähl- und Handlungsebenen.
„Das Holzschiff“ im Staatstheater Nürnberg: Mittwoch, 20.10.2010 20:00 Uhr • Samstag, 23.10.2010 19:30 Uhr • Dienstag, 26.10.2010 20:00 Uhr • Sonntag, 14.11.2010 19:00 Uhr • Donnerstag, 14.07.2011 20:00 Uhr • Donnerstag, 21.07.2011 20:00 Uhr
Offizielle Homepage Staatstheater Nürnberg
Fotos: Ludwig Olah, Staatstheater Nürnberg
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